Diskussionsforum zum Thema „Integration – Fokus Ausländerinnen und Ausländer“ mit Mohamed Abdirahim, JUSO

Mohamed Abdirahim

Alter:             28

Wohnort:       Bern

Beruf:            Projektleiter Jugendarbeit

Hobbys:         –

Partei:            JUSO

 

Stadtrat Bern

 

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Instagram: mumyfiziert

Twitter: momo_abdirahim

Fragen und Antworten zum Thema „Integration – Fokus Ausländerinnen und Ausländer“

 

Ein Viertel der Menschen, die in der Schweiz leben, haben keinen Schweizer Pass und werden somit auch von vielen demokratischen Prozessen (abstimmen, wählen) ausgeschlossen. Welche Vor- und Nachteile gäbe es für die Menschen mit/ohne Schweizer Pass, wenn alle demokratisch miteinbezogen würden?

Ich sehe nur Vorteile, wenn alle Menschen, die in der Schweiz leben, sich in unserer Demokratie beteiligen und aktiv mitentscheiden können. Es geht um den Alltag und die Zukunft der Bevölkerung und um die Gestaltung dieser Schweiz. Nur die Zukunft kann sagen, ob alle abstimmen würden. Auch momentan gehen Menschen mit Stimmrecht zu Teilen nicht an die Urne, wenn wir unsere Stimmbeteiligung kritisch anschauen.

 

Tendenziell werden mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Real eingestuft als Schweizer Jugendliche. Warum ist dies so? Welche Nachteile haben rassifizierte* Kinder und Jugendliche abgesehen von der Sprache? Was kann unternommen werden, damit alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen haben?

     * Warum der Begriff «rassifiziert»? Eine niederländische Familie in der Schweiz hat auch einen Migrationshintergrund. Trotzdem werden sie in der Gesellschaft wahrscheinlich seltener benachteiligt als z.b. nichtweisse oder nichtchristliche Menschen. Der Begriff «rassifiziert» bezeichnet also diejenigen ausländischen Menschen, die besonders oft von rassistischen Vorurteilen betroffen sind. Dies kann auch bloss sein, dass rassifizierten Menschen oft weniger zugetraut wird.

Viele Kinder und Jugendliche haben Schulprobleme, ja, aber nicht, weil sie, ihre Eltern oder Großeltern in Zürich, Istanbul oder wo auch immer geboren sind, sondern weil sie in prekären Lagen (z.b. finanzielle Schwierigkeiten) aufwachsen und weil ihre Eltern weniger kulturelles Kapital aufweisen. Forscher:innen zeigen auf, dass Lehrkräfte von Schüler:innen aus „schwachen“ sozialen Lagen schlechtere Leistungen erwarten als von ihren Mitschüler:innen. Und das wiederum – auch das ist erforscht – beeinflusst die Lernentwicklung negativ.

Nicht allein Begabung, nicht allein das intellektuelle oder das soziale Potenzial, nein, auch und gerade die soziale Herkunft bestimmt wesentlich über die spätere Laufbahn. Die wesentliche Aufgabe der Politik und der Schule ist es, herkunftsbedingte soziale Nachteile wo immer möglich zu kompensieren, mindestens aber zu reduzieren. Dazu müssen beispielsweise – endlich! – jene Schulen in den sogenannten „sozialen Brennpunkten“ besser ausgestattet werden: mit mehr und gut qualifizierten Lehrkräften, mit einem höheren Budget, mit mehr Fortbildungsangeboten für die Kollegien, mit Ganztagsangeboten und zusätzlichen Förderangeboten für die Schüler:innen.

Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Mag der Migrationshintergrund auch nicht das Hauptproblem sein, wer jedoch der deutschen Sprache nicht mächtig ist, hat bei uns deutlich geringere Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere. Das wiederum gilt für alle Kinder.

 

Vorurteile zwischen Menschen verschiedener Kulturen entstehen vor allem durch die Medien und wenn der persönliche Austausch fehlt. Viele Schweizer Familien haben vor allem Kontakt mit Schweizer Familien. Wie könnte der Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft gefördert werden? Was können die Schulen diesbezüglich tun?

Für mich gibt es 4 Voraussetzungen, die für eine sinnvolle Integrationsarbeit und einen funktionierenden interkulturellen Dialog notwendig sind: Offenheit, Dialogbereitschaft, Integrationswille und „good citizenship“. Sie gelten gleichermaßen für die Angekommenen als auch für alle Mitglieder der Aufnahmegesellschaften.

Erste Voraussetzung ist Offenheit: des Einzelnen gegenüber „Anderen“, als auch der Gesellschaft gegenüber Veränderungen. Das Leben ist Veränderung. In der Geschichte gibt es genug Beispiele, wie eine Gesellschaft bewusst, nachhaltig und langfristig erfolgreich mit Veränderungen durch Migration umgehen kann. Xenophobische Angstmacherei von Nationalist:innen und Rechtspopulist:innen in der Schweiz ist Propaganda. Ein Baustein ist, sich auf praktische Integrationsarbeit zu konzentrieren. Dafür sind der Wille zu Dialog und zur Integration essenzielle Bestandteile.

Integration beginnt mit Verständnis der Sprache und Kultur der Aufnahmegesellschaft. Integration vereinfacht die Teilhabe an dieser Gesellschaft – das ist das Ideal und Ziel, gerade wenn Ablehnung und Rassismus täglich auch „gut Integrierte“, „Schweizer:innen“ der dritten Generation oder schwarze Schweizer:innen treffen. Nur durch Maßnahmen, die Verständnis fördern, können Konflikte im Jetzt beseitigt werden. Dabei geht es um das Erreichen der Mitte der Gesellschaft und klare Maßnahmen gegenüber rechter Meinungsmache. Zur Integration gehört also nicht nur der Wille der „Ankommenden“, sondern auch der explizite Wille der Gesellschaft, (geregelte) Einwanderung willkommen zu heißen.

„Good Citizenship“ ist eine weitere Voraussetzung zur Integration und damit auch zum interkulturellen Dialog. Ein/e „gute/r Bürger:in“ zu sein bedeutet neben der Akzeptanz von Regeln und Gesetzen, auch die „Würde des Menschen“ zu achten. Auch ein Flüchtling („Staatenloser“) hat das „Recht, Rechte zu haben“, so Hannah Arendt. Die Schweiz hat aus der Geschichte gelernt und spricht dieses Recht jedem Menschen zu. Damit einher gehen die Pflichten aller Bürger:innen, die Freiheiten von offenen Gesellschaften, interreligiöse Toleranz, Gleichberechtigung etc. zu respektieren.

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